Little Giants - Presse

bwWoche

In aller Munde

vom 26.05.2008

Die Nachfrage nach bilingualen Einrichtungen auch im frühkindlichen Bereich wächst – nicht zuletzt aufgrund der Anforderungen in den vermehrt international ausgerichteten Unternehmen.

„These are seashells“, tönen helle Kinderstimmen durch die Kindertagesstätte „Little Giants“ in Stuttgart. Die Pädagogin Tatiana Breger deutet auf eine Sammlung von Muscheln in ihrer Handkuhle, die ihre Schützlinge sofort beim englischen Namen nennen. Eifrig greifen Kinderhände nach Muscheln und Sand, um ein Aquarium zu bauen. Misha möchte von Daniel Wasser haben, um es in sein Glas zu gießen, das er gerade gestaltet hat: „Give me some water, please!“ Bastelstunde auf Englisch.

Auch der zwei Jahre alte Gordon besucht die bilinguale Kita. Fröhlich grüßt er mit „Good morning“. Während einige seiner Kameraden im Sandkasten Burgen bauen, haben es sich andere auf dem Boden bequem gemacht. Sie betrachten die Karten, die eine englischsprachige Erzieherin in Händen hält: Tiere und Landschaften ferner Länder sind darauf zu sehen. Mit dem Finger deutet sie auf einzelne Gegenstände, die sie ihren wissbegierigen Zuhörern auf englisch erklärt. „Kangaroo“, tönt es einstimmig aus den Kehlen der Sprachenelite von morgen. Bis zu acht Stunden täglich
üben die Kleinen bei normalen Spiel- und Bastelstunden mit englischen Muttersprachlern die zweite
Fremdsprache ein.

Für Heike Präuer stand schon vor der Geburt ihres Sohnes Gordon fest, dass er mehrere Sprachen lernen soll – und das möglichst früh. „In einer globalisierten Welt und einer multikulturellen Gesellschaft ist das nur von Vorteil vor allem mit Blick aufs Berufsleben“, erklärt die 36 Jahre alte Mutter. Ihr Mann, der in einem international ausgerichteten Unternehmen arbeite, habe sich mit viel Anstrengungen und hohen Kosten für Sprachschulen bemühen müssen, an das Niveau eines Muttersprachlers heranzukommen. Das will Heike Präuer ihrem Sohn ersparen. Deshalb gab sie ihn bereits mit drei Monaten zu einer Tagesmutter, einer benachbarten Italienerin. Und so spreche Gordon heute englisch und italienisch.

Doreen Bryant, Linguistin und Sprachtherapeutin an der Universität Tübingen, erklärt, dass je früher der Einstieg in eine Zweitsprache erfolgt, diese umso schneller und leichter erlernt wird – vorausgesetzt der sprachliche Input ist ausreichend und wird konsequent gemäß des Prinzips „eine
Person – eine Sprache“ angeboten. Die Fähigkeit, sich eine fremde Sprache in ihrer Komplexität durch regelmäßige, situationsbezogene Konfrontation anzueignen – also ohne jegliche Instruktionen
und Verbesserungen – ist dem Menschen nicht unbegrenzt möglich. „Diese angeborene Spracherwerbskompetenz geht uns allmählich verloren, einige Sprachbereiche sind früher betroffen als andere“, so Bryant. „Somit können ältere Fremdsprachenlerner dann nicht mehr in vollem Umfang auf die natürlichen Ressourcen zugreifen und müssen auf andere aufwändigere Strategien ausweichen.“

Kontinuierlich auf- und ausbauen

Wichtig ist, dass auf einem früh gelegten sprachlichen Fundament auch kontinuierlich aufgebaut wird. Denn Kinder vergessen schnell. Der Schlüssel zum Erfolg liegt daher im konsequenten Fortsetzen des Kontakts mit der einmal erlernten Fremdsprache. „Passiert das nicht, waren die frühen Bemühungen der Eltern möglicherweise umsonst“, so Bryant: Die Kenntnisse ließen sich nur mühevoll wieder reaktivieren.

Wie die Expertin für Spracherwerb zu verstehen gibt, reichen zwei Stunden Englisch-Unterricht an Grundschulen pro Woche keinesfalls aus, um Kinder auf ein berufstaugliches Fremdsprachen-
Niveau zu bringen. Etwa im Alter von sechs bis sieben Jahren würden sich grundlegende, neuronal bedingte Veränderungen im Umgang mit einer Fremdsprache vollziehen. Die Erwerbsstrategien
begännen langsam, denen erwachsener Lerner zu gleichen. Die kritischen Zeitfenster für den mühelosen, natürlichen Spracherwerb beginnen sich hier also zu schließen. Am besten sei es daher, erklärt die Linguistin, bereits bei Kindern die jünger als drei Jahre sind, mit dem Fremdsprachenerwerb zu beginnen.

In der Kindertagesstätte „Little Giants“ strahlt in leuchtenden Farben das Alphabet, einige Zahlen und Formen von Äpfeln und Birnen an der Wand. Die Kinder lernen hier zunächst, wie eine Farbe auf englisch heißt. „Dann wird der Farbe die Form zugeordnet. Zum Beispiel die eines Kreises, eines Apfels, einer Zahl oder eines Buchstaben“, erläutert Kita-Geschäftsführerin Jelena Wahler. „So lernen die Kinder, sich Formen einzuprägen.“ Damit wird der Grundstock für das gelegt, was später in der Schule kommt: das Lernen von Schriftbildern. Auch am Rand der landeskundlichen
Karten sind die jeweiligen englischen Worte abgedruckt. So wird dafür gesorgt, dass das einmal spielerisch eingeprägte Schriftbild in späteren Jahren beim Lesen und Schreiben leichter abgerufen
und eingeübt werden kann. (siehe Stichwort-Kasten)

Heike Präuer macht sich Gedanken, wie sie die Mehrsprachigkeit ihres Sohnes weiter fördert, wenn er die Schule besucht. „Ich hoffe, dass Einrichtungen wie „Little Giants“ dann so etwas wie fremdsprachige Hausaufgaben- Betreuung anbieten, wenn das die normalen Schulen nicht machen“,
sagt die 36-Jährige.

Aus Sicht von Kita-Geschäftsführer Peter Wahler werden mit dem gegenwärtigen Schulsystem die Zukunftschancen der Kinder verschenkt. Schulen mit einem echten bilingualen Angebot zu finden, in denen auch der Sachunterricht auf Englisch oder einer anderen Fremdsprache abgehalten
wird, sei schwierig. In Baden-Württemberg sind es laut Angaben aus dem Landesinstitut für Schulentwicklung von 436 Gymnasien lediglich 59, die bilingual ausgerichtet sind. Bundesweit
gibt es – so die Informationen des Vereins für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertagesstätten und Schulen in Kiel – nicht mehr als zehn Grundschulen mit einem echten bilingualen Angebot,
bei dem auch der Sachunterricht fremdsprachig abgehalten wird.

Erfolgsmodell bilinguale Klassen

Den Angaben aus dem Kultusministerium in Stuttgart zufolge, erfreuen sich bilinguale Klassen für
Deutsch-Englisch an den Gymnasien steigender Nachfrage: Diese Klassen seien „ein Erfolgsmodell“, nicht zuletzt aufgrund der internationalen Ausrichtung von Universitäten und
Wirtschaft. Man setze daher auf einen maßvollen Ausbau; jedes Jahr könnten landesweit bis zu sieben neue Züge beantragt werden, heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums. So würden etwa verschiedene Sachfächer wie Biologie oder Geschichte in der Fremdsprache abgehalten.

„Die Gymnasien interessieren sich verstärkt für bilingualen Unterricht“, beobachtet der Pressesprecher Hansjörg Blessing. Doch dem Ausbau sei mit Blick auf die Ressourcenlage im
Land pro Jahr ein zahlenmäßiges Limit gesetzt. Bundesweit nehme Baden-Württemberg mit dem Fremdsprachenunterricht ab Klasse eins eine Vorreiterrolle ein. „In keinem anderen Bundesland gibt es das“, so der Pressesprecher. „Das ist ein Anfang im verpflichtenden Fremdsprachenunterricht,
der alle Kinder in einem frühen Alter in Baden-Württemberg erreicht. Spezielle Profile und Angebot
im Bereich der Bilingualität sind freiwillige Angebote, dazu können die Kindergärten im Land nicht verpflichtet werden.“

Nach der Grundschule werde der Fremdsprachenunterricht an den weiterführenden Schulen fortgeführt. Aus Sicht des Ministeriumssprechers reichen damit die Möglichkeiten aus, die
das Bildungssystem in Baden-Württemberg zum Fremdsprachenerwerb bietet, um Kinder und Jugendliche in diesem Bereich mobil zu machen und ihnen berufliche Chancen zu eröffnen.

Zielvorgaben der EU zufolge, soll jedes Kind die Chance haben in mindestens drei Sprachen berufsfähiges Niveau zu erreichen. Für Blessing gilt es, zu klären, was berufsfähig heißt,
denn das sei abschließend nicht definiert. Gerade das Gymnasium lege ein besonderes Gewicht auf die Fremdsprachenausbildung. „Dort ist das Ziel der Mehrsprachigkeit über das
Sprachenprofil hergestellt“, so Blessing weiter. „Nach Ablauf der gymnasialen Ausbildung ist das Fundament dafür gelegt, dass junge Menschen über die für den Berufseinstieg oder
das Studium notwendigen Englischkenntnisse verfügen.“

Dass die Landesregierung auch im Grundschulbereich dem Englischen oberste Priorität eingeräumt hat, wird von den Wirtschaftsvertretern im Land begrüßt. „Die internationale Ausrichtung ihrer Aktivitäten ist für viele Mitgliedsunternehmen der IHK Karlsruhe längst Bestandteil ihrer Globalisierungsstrategie geworden“, wie IHK Sprecher Michael Hölle erklärt. Fremdsprachenkenntnissen, vor allem die der englischen Sprache, käme eine nachhaltige
Bedeutung zu. Je flexibler die Arbeitnehmer in diesem Bereich seien, umso besser schätzt Hölle deren Berufschancen und ihre Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft ein. „Bilinguale
Bildungseinrichtungen sind damit nur von Vorteil, das ist keine Frage.“

In der Kita am Charlottenplatz neigen sich Bastel- und Spielstunden dem Ende zu. Gordon möchte noch gar nicht gehen. „I have great fun here“, erklärt der Kleine, der sagt: „I find learning
English is easy.“ Heike Präuer nimmt ihren Sohn bei der Hand, hilft ihm die Schuhe anzuziehen. Kurz bevor er im Türrahmen verschwindet dreht er sich um, winkt Tatiana Breger zu, um
sich mit „Goodbye Miss Breger“ zu verabschieden. Bei seiner italienischen Tagesmutter
wird er am nächsten Morgen mit einem „Buon giorno“ auf den Lippen in den Tag starten und darauf freut er sich schon jetzt.

Stichwort

Keine Grammatik, keine Regeln – die Kinder in der Tagesstätte „Little Giants“ lernen nach der sogenannten Immersionsmethode. Dabei geht es um die Interaktion mit einer Bezugsperson,
die konsequent die entsprechende Zielsprache gebraucht. Ganz wie beim Erlernen der Muttersprache von den Eltern, erschließen sich die Kleinen die Struktur der fremden Sprache ganz von selbst. Immersion erscheint damit als die natürlichste – weil dem natürlichen Erstspracherwerb
nachempfundene – Methode, eine fremde Sprache zu erlernen, und nicht etwa jene mit Büchern
und Regelwerk. „In Kanada wird diese Methode seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert“, erklärt Doreen Bryant von der Uni Tübingen. Deutschland stecke hier noch in den Kinderschuhen. Aber die positive Evaluierung bereits laufender Projekte wie etwa in Kiel oder die inzwischen für neun verschiedene Sprachkombinationen angebotenen Immersionsklassen in Berlin lassen hoffen,
dass auch der Nachwuchs in Deutschland in einigen Jahren dreisprachig ins Berufsleben startet.

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