
Die Nachfrage nach bilingualen Einrichtungen auch im frühkindlichen Bereich wächst – nicht zuletzt aufgrund der Anforderungen in den vermehrt international ausgerichteten Unternehmen.
„These are seashells“, tönen helle Kinderstimmen durch die Kindertagesstätte „Little Giants“ in Stuttgart. Die Pädagogin Tatiana Breger deutet auf eine Sammlung von Muscheln in ihrer Handkuhle, die ihre Schützlinge sofort beim englischen Namen nennen. Eifrig greifen Kinderhände nach Muscheln und Sand, um ein Aquarium zu bauen. Misha möchte von Daniel Wasser haben, um es in sein Glas zu gießen, das er gerade gestaltet hat: „Give me some water, please!“ Bastelstunde auf Englisch.
Auch der zwei Jahre alte Gordon
besucht die bilinguale Kita. Fröhlich
grüßt er mit „Good morning“. Während
einige seiner Kameraden im
Sandkasten Burgen bauen, haben es
sich andere auf dem Boden bequem
gemacht. Sie betrachten die Karten,
die eine englischsprachige Erzieherin
in Händen hält: Tiere und Landschaften
ferner Länder sind darauf zu sehen.
Mit dem Finger deutet sie auf
einzelne Gegenstände, die sie ihren
wissbegierigen Zuhörern auf englisch
erklärt. „Kangaroo“, tönt es einstimmig
aus den Kehlen der Sprachenelite
von morgen. Bis zu acht Stunden täglich
üben die Kleinen bei normalen
Spiel- und Bastelstunden mit englischen
Muttersprachlern die zweite
Fremdsprache ein.
Für Heike Präuer stand schon vor der Geburt ihres Sohnes Gordon fest, dass er mehrere Sprachen lernen soll – und das möglichst früh. „In einer globalisierten Welt und einer multikulturellen Gesellschaft ist das nur von Vorteil vor allem mit Blick aufs Berufsleben“, erklärt die 36 Jahre alte Mutter. Ihr Mann, der in einem international ausgerichteten Unternehmen arbeite, habe sich mit viel Anstrengungen und hohen Kosten für Sprachschulen bemühen müssen, an das Niveau eines Muttersprachlers heranzukommen. Das will Heike Präuer ihrem Sohn ersparen. Deshalb gab sie ihn bereits mit drei Monaten zu einer Tagesmutter, einer benachbarten Italienerin. Und so spreche Gordon heute englisch und italienisch.
Doreen Bryant, Linguistin und
Sprachtherapeutin an der Universität
Tübingen, erklärt, dass je früher der
Einstieg in eine Zweitsprache erfolgt,
diese umso schneller und leichter erlernt
wird – vorausgesetzt der sprachliche
Input ist ausreichend und wird
konsequent gemäß des Prinzips „eine
Person – eine Sprache“ angeboten. Die
Fähigkeit, sich eine fremde Sprache in
ihrer Komplexität durch regelmäßige,
situationsbezogene Konfrontation anzueignen
– also ohne jegliche Instruktionen
und Verbesserungen – ist dem
Menschen nicht unbegrenzt möglich.
„Diese angeborene Spracherwerbskompetenz
geht uns allmählich verloren,
einige Sprachbereiche sind früher
betroffen als andere“, so Bryant. „Somit
können ältere Fremdsprachenlerner
dann nicht mehr in vollem Umfang
auf die natürlichen Ressourcen zugreifen
und müssen auf andere aufwändigere
Strategien ausweichen.“
Wichtig ist, dass auf einem früh gelegten sprachlichen Fundament auch kontinuierlich aufgebaut wird. Denn Kinder vergessen schnell. Der Schlüssel zum Erfolg liegt daher im konsequenten Fortsetzen des Kontakts mit der einmal erlernten Fremdsprache. „Passiert das nicht, waren die frühen Bemühungen der Eltern möglicherweise umsonst“, so Bryant: Die Kenntnisse ließen sich nur mühevoll wieder reaktivieren.
Wie die Expertin für Spracherwerb
zu verstehen gibt, reichen zwei Stunden
Englisch-Unterricht an Grundschulen
pro Woche keinesfalls aus, um
Kinder auf ein berufstaugliches Fremdsprachen-
Niveau zu bringen. Etwa im
Alter von sechs bis sieben Jahren würden
sich grundlegende, neuronal bedingte
Veränderungen im Umgang mit
einer Fremdsprache vollziehen. Die Erwerbsstrategien
begännen langsam,
denen erwachsener Lerner zu gleichen.
Die kritischen Zeitfenster für den mühelosen,
natürlichen Spracherwerb beginnen
sich hier also zu schließen. Am
besten sei es daher, erklärt die Linguistin,
bereits bei Kindern die jünger als
drei Jahre sind, mit dem Fremdsprachenerwerb
zu beginnen.
In der Kindertagesstätte „Little Giants“
strahlt in leuchtenden Farben
das Alphabet, einige Zahlen und Formen
von Äpfeln und Birnen an der
Wand. Die Kinder lernen hier zunächst,
wie eine Farbe auf englisch
heißt. „Dann wird der Farbe die Form
zugeordnet. Zum Beispiel die eines
Kreises, eines Apfels, einer Zahl oder
eines Buchstaben“, erläutert Kita-Geschäftsführerin
Jelena Wahler. „So lernen
die Kinder, sich Formen einzuprägen.“
Damit wird der Grundstock für
das gelegt, was später in der Schule
kommt: das Lernen von Schriftbildern.
Auch am Rand der landeskundlichen
Karten sind die jeweiligen englischen
Worte abgedruckt. So wird dafür gesorgt,
dass das einmal spielerisch eingeprägte
Schriftbild in späteren Jahren
beim Lesen und Schreiben leichter abgerufen
und eingeübt werden kann.
(siehe Stichwort-Kasten)
Heike Präuer macht sich Gedanken,
wie sie die Mehrsprachigkeit ihres
Sohnes weiter fördert, wenn er die
Schule besucht. „Ich hoffe, dass Einrichtungen
wie „Little Giants“ dann so
etwas wie fremdsprachige Hausaufgaben-
Betreuung anbieten, wenn das die
normalen Schulen nicht machen“,
sagt die 36-Jährige.
Aus Sicht von Kita-Geschäftsführer
Peter Wahler werden mit dem gegenwärtigen
Schulsystem die Zukunftschancen
der Kinder verschenkt.
Schulen mit einem echten bilingualen
Angebot zu finden, in denen auch der
Sachunterricht auf Englisch oder einer
anderen Fremdsprache abgehalten
wird, sei schwierig. In Baden-Württemberg
sind es laut Angaben aus dem
Landesinstitut für Schulentwicklung
von 436 Gymnasien lediglich 59, die
bilingual ausgerichtet sind. Bundesweit
gibt es – so die Informationen des
Vereins für frühe Mehrsprachigkeit an
Kindertagesstätten und Schulen in Kiel
– nicht mehr als zehn Grundschulen
mit einem echten bilingualen Angebot,
bei dem auch der Sachunterricht
fremdsprachig abgehalten wird.
Den Angaben aus dem Kultusministerium
in Stuttgart zufolge, erfreuen
sich bilinguale Klassen für
Deutsch-Englisch an den Gymnasien
steigender Nachfrage: Diese Klassen
seien „ein Erfolgsmodell“, nicht zuletzt
aufgrund der internationalen
Ausrichtung von Universitäten und
Wirtschaft. Man setze daher auf einen
maßvollen Ausbau; jedes Jahr
könnten landesweit bis zu sieben
neue Züge beantragt werden, heißt es
in einer Mitteilung des Ministeriums.
So würden etwa verschiedene Sachfächer
wie Biologie oder Geschichte in
der Fremdsprache abgehalten.
„Die Gymnasien interessieren sich
verstärkt für bilingualen Unterricht“,
beobachtet der Pressesprecher Hansjörg
Blessing. Doch dem Ausbau sei
mit Blick auf die Ressourcenlage im
Land pro Jahr ein zahlenmäßiges Limit
gesetzt. Bundesweit nehme Baden-Württemberg mit dem Fremdsprachenunterricht
ab Klasse eins
eine Vorreiterrolle ein. „In keinem anderen
Bundesland gibt es das“, so der
Pressesprecher. „Das ist ein Anfang
im verpflichtenden Fremdsprachenunterricht,
der alle Kinder in einem
frühen Alter in Baden-Württemberg
erreicht. Spezielle Profile und Angebot
im Bereich der Bilingualität sind
freiwillige Angebote, dazu können die
Kindergärten im Land nicht verpflichtet
werden.“
Nach der Grundschule werde der
Fremdsprachenunterricht an den weiterführenden
Schulen fortgeführt. Aus
Sicht des Ministeriumssprechers reichen
damit die Möglichkeiten aus, die
das Bildungssystem in Baden-Württemberg
zum Fremdsprachenerwerb
bietet, um Kinder und Jugendliche in
diesem Bereich mobil zu machen und
ihnen berufliche Chancen zu eröffnen.
Zielvorgaben der EU zufolge, soll
jedes Kind die Chance haben in mindestens
drei Sprachen berufsfähiges
Niveau zu erreichen. Für Blessing gilt
es, zu klären, was berufsfähig heißt,
denn das sei abschließend nicht definiert.
Gerade das Gymnasium lege ein
besonderes Gewicht auf die Fremdsprachenausbildung.
„Dort ist das
Ziel der Mehrsprachigkeit über das
Sprachenprofil hergestellt“, so Blessing
weiter. „Nach Ablauf der gymnasialen
Ausbildung ist das Fundament
dafür gelegt, dass junge Menschen
über die für den Berufseinstieg oder
das Studium notwendigen Englischkenntnisse
verfügen.“
Dass die Landesregierung auch im
Grundschulbereich dem Englischen
oberste Priorität eingeräumt hat, wird
von den Wirtschaftsvertretern im Land begrüßt. „Die internationale Ausrichtung
ihrer Aktivitäten ist für viele Mitgliedsunternehmen
der IHK Karlsruhe
längst Bestandteil ihrer Globalisierungsstrategie
geworden“, wie IHK Sprecher
Michael Hölle erklärt. Fremdsprachenkenntnissen,
vor allem die der
englischen Sprache, käme eine nachhaltige
Bedeutung zu. Je flexibler die Arbeitnehmer
in diesem Bereich seien,
umso besser schätzt Hölle deren Berufschancen
und ihre Bedeutung für
Wirtschaft und Gesellschaft ein. „Bilinguale
Bildungseinrichtungen sind damit
nur von Vorteil, das ist keine Frage.“
In der Kita am Charlottenplatz neigen
sich Bastel- und Spielstunden dem
Ende zu. Gordon möchte noch gar
nicht gehen. „I have great fun here“, erklärt
der Kleine, der sagt: „I find learning
English is easy.“ Heike Präuer
nimmt ihren Sohn bei der Hand, hilft
ihm die Schuhe anzuziehen. Kurz bevor
er im Türrahmen verschwindet dreht er
sich um, winkt Tatiana Breger zu, um
sich mit „Goodbye Miss Breger“ zu verabschieden.
Bei seiner italienischen Tagesmutter
wird er am nächsten Morgen
mit einem „Buon giorno“ auf den Lippen
in den Tag starten und darauf freut
er sich schon jetzt.
Keine Grammatik, keine Regeln – die
Kinder in der Tagesstätte „Little Giants“
lernen nach der sogenannten Immersionsmethode. Dabei geht es
um die Interaktion mit einer Bezugsperson,
die konsequent die entsprechende
Zielsprache gebraucht. Ganz
wie beim Erlernen der Muttersprache
von den Eltern, erschließen sich
die Kleinen die Struktur der fremden
Sprache ganz von selbst. Immersion
erscheint damit als die natürlichste –
weil dem natürlichen Erstspracherwerb
nachempfundene – Methode,
eine fremde Sprache zu erlernen,
und nicht etwa jene mit Büchern
und Regelwerk. „In Kanada wird
diese Methode seit vielen Jahren erfolgreich
praktiziert“, erklärt Doreen
Bryant von der Uni Tübingen.
Deutschland stecke hier noch in den
Kinderschuhen. Aber die positive
Evaluierung bereits laufender Projekte
wie etwa in Kiel oder die inzwischen
für neun verschiedene Sprachkombinationen
angebotenen Immersionsklassen
in Berlin lassen hoffen,
dass auch der Nachwuchs in
Deutschland in einigen Jahren dreisprachig
ins Berufsleben startet.
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