NÜRNBERG - Wenn Edmund Stoiber einen Satz sagt wie «Bayern hat eine gute Performance in Deutschland», dann läuft das für die in Erlangen erscheinende Zeitung «Deutsche Sprachwelt» unter der Rubrik «Sprachpanscherei», Unterabteilung «Politikerkauderwelsch». Die Zeitung will eine lebendige deutsche Sprache erhalten und warnt zum heutigen internationalen Tag der Muttersprache davor, dass Englisch in der Bildung immer mehr Raum einnimmt und dies auf Kosten von Deutsch als Muttersprache gehe.
In Krippen und Kindergärten, an Schulen und Hochschulen sei Englisch auf dem Vormarsch, moniert die Sprachzeitung. Dabei gerate der Wert einer gut beherrschten Muttersprache in den Hintergrund. Fremdsprachen sind in den Augen der Sprachzeitung zwar wichtig, «doch nur wer seine Muttersprache beherrscht, kann eine andere Sprache gut erlernen». Es sei bedenklich, dass Englisch in allen Bundesländern schon in der Grundschule Pflichtfach ist. Zwar erweiterten Fremdsprachen den Gesichtskreis, ließen sich aber niemals so gut wie eine Muttersprache beherrschen, lässt Thomas Paulwitz verlauten, der sich statt Chefredakteur lieber «Schriftleiter» nennt.
Diese Argumentation kommt Jelena Wahler spanisch vor. Und falsch. Denn in ihren beiden englisch-deutschen Kindertagesstätten in Stuttgart hat die Geschäftsführerin ganz andere Erfahrungen gemacht. «Bis zum dritten Lebensjahr erlernt ein Kind jede weitere Sprache genauso perfekt wie die eigene Muttersprache.» Dies geschehe spielerisch, unterbewusst, ohne dass die Kinder groß darüber nachdächten. Wahler will ihr Konzept in drei Monaten auch auf Nürnberg ausdehnen: Die englisch-deutsche Kindertagesstätte in der Emilienstraße wird sich dann «Little Giants – the early learning Center» (etwa: Kleine Riesen – Zentrum für frühes Lernen) nennen.
«Bei uns wachsen die Kinder auf wie in einer zweisprachigen Familie.» Deutsche Erzieher würden nur deutsch, englische nur englisch mit den Kindern reden. «Das bringt die Kinder weiter, eröffnet eine neue Lebens- und Erfahrungswelt», ist Wahler überzeugt. Nicht von ungefähr seien viele hochbegabte Kinder zweisprachig aufgewachsen. Dass eine zweite Sprache nicht für Verwirrung, sondern für mehr intellektuelle und soziale Kompetenz sorgt, hat sie an ihren eigenen Kindern beobachtet: «Meine Tochter, die in den USA mit Deutsch und Englisch aufgewachsen ist, hat sich viel schneller entwickelt als mein Sohn, der von Anfang nur deutsch gesprochen hat.»
Dass Kinder nichts von ihrer Muttersprache einbüßen, wenn sie früh eine Fremdsprache lernen, bestätigt Rosemarie Tracy, Professorin für anglistische Linguistik an der Uni Mannheim. «Kinder können von Anfang an mit mehreren Sprachen umgehen – sie lernen intuitiv und komplikationslos.» Das könne man gut bei Dialekt-Sprechern beobachten. «Die Kinder verlieren ihren Dialekt nicht, nur weil sie in der Schule auch Hochdeutsch lernen», so Tracy. «Genauso unsinnig ist es, zu behaupten, dass Kinder ihre Deutsch-Kompetenz verlieren, nur weil sie englisch sprechen.»
Das einmal erlernte Sprach-System halte sich sehr beständig. «Wenn ein Deutscher nach Sibirien auswandert, vergisst er vielleicht ein paar Vokabeln, spricht ein bisschen schlechter – die Grundstruktur der Sprache bleibt jedoch erhalten.» Ein Deutscher, der 50 Jahre lang in Amerika gelebt hat, würde vielleicht nicht «Ich fühle mich heute gut», sondern nur «Ich fühle gut» (I feel good) sagen.
Das frühe Erlernen einer Fremdsprache schade den Kindern sicher nicht, sagt Tracy und gibt einen bodenständigen Rat: «Bevor man sein Kind täglich eine Stunde durch den Berufsverkehr kutschiert, um es zur englisch-deutschen Kita zu bringen, sollte man die Zeit besser mit Vorlesen verbringen.»
Weshalb die Muttersprache gerade so und nicht etwa Vatersprache heißt, weiß auch die Wissenschaftlerin nicht. Jedoch hat sie eine Geschichte parat: Für ein Forschungsprojekt untersuchte sie einen zweisprachig aufgewachsenen Jungen, der partout nur deutsch sprechen wollte. Wie sich herausstellte, haben alle Frauen in seiner Familie englisch gesprochen, der Vater aber deutsch. «Der Knirps hat einfach geglaubt, alle Männer würden deutsch sprechen – und hat es deshalb auch so gemacht.»
Christian Ebinger, Nz
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