
Jelena Wahler hat ein neues Geschäftsmodell: Eine Kette mit 50 Kindergärten in ganz Deutschland. Der Platz kostet 600 Euro.
Frau Wahler, Achtung, Ihr Kostüm! Sie setzen sich in einen Farbklecks.
Oh, danke. Tja, die Stühle hier im Malatelier sind tückisch. Am besten, ich lege ein Papier unter.
Ohne unverschämt zu sein, aber mit dem engen Kostüm und High Heels passen Sie nicht wirklich in einen Kindergarten.
Ich arbeite ja auch nicht hier, sondern in unserem Büro, 15 Minuten von hier. In die Einrichtung komme ich nur, um unseren Sohn abzuholen.
Für den haben Sie und Ihr Mann vor zwei Jahren hier erst eine Krippe gegründet, dann den Kindergarten.
Aus reiner Verzweiflung, ja. Wir haben nichts Passendes für ihn gefunden, also haben wir einen nach unseren Vorstellungen entworfen.
Und nun bauen Sie eine Kindergarten-Kette auf, mit Filialen in Stuttgart, München, demnächst auch in Nürnberg und Frankfurt?
Etwas später im Jahr folgen vermutlich Berlin und sicherlich ein, zwei andere Standorte.
Krippen und Kindergärten betreiben für
gewöhnlich Staat oder Kirche.
Sie sind einer der ersten kommerziellen
Anbieter.
Wir machen keinen Hehl daraus.
Sie wollen Geld verdienen mit
Kleinkindern. Da betreten Sie vermintes
Gelände.
In der öffentlichen Diskussion wird häufig verpönt, was wir machen, das stimmt. Aber die Behörden, mit denen wir zusammenarbeiten, sehen das vielerorts ganz anders. Die gucken sich das Konzept an und sagen: Klasse, macht das!
Wie reagieren die Städte auf private Konkurrenz?
Unterschiedlich. München und Nürnberg sind toll, überhaupt der ganze Freistaat hat das vorbildlich geregelt. Im Ländle hier dagegen sind gewerbliche Anbieter in der Gesetzgebung nicht berücksichtigt, so dass jede Kommune fur sich entscheidet. Und das dauert!
Wie sind Sie überhaupt auf die
Idee gekommen? Sie waren als Unternehmensberaterin
tätig, Ihr
Mann und Sie sind eigentlich studierte
Maschinenbauer.
WIr haben in München auch einige Jahre als solche bei einem Autozulieferer gearbeitet. Als unsere Tochter Ende 1998 auf die Welt kam, haben wir keine vernünftige Betreuung gefunden, damit ich Vollzeit weiter arbeiten konnte.
Sie sind also eine der vielgescholtenen Rabenmütter ...
Was musste ich mir damals alles anhören: "Warum habt ihr überhaupt
Kinder?" Oder: "Was machst du
mit deiner Kleinen, hängst du sie
im Büro an einen Kleiderhaken?"
Und um Ihr Gewissen zu beruhigen, haben Sie die Krippe gegründet?
Nein, damals sind die Omas eingesprungen. Großeltern sind ein Segen,
sage ich Ihnen. Die Idee mit
der Krippe kam uns erst bei unserem
Sohn sechs Jahre später. Zuvor
hatten wir beide einen MBA in
North Carolina gemacht. Unsere
Tochter besuchte dort zwei Jahre
lang einen Kindergarten, der war
phantastisch. Das ganze frühkindliche
Betreuungssystem, das in Amerika
fast ausschließlich privat initiiert
ist, faszinierte uns. Wir haben
immer gedacht: super Geschäftsidee.
Ein exklusiver Kindergarten für die künftige Elite also.
Diese Etiketten sind Quatsch. Wir
bieten den Eltern, was sie sich wünschen.
Mehr nicht. Natürlich haben
wir bis halb sieben abends geöffnet,
natürlich sind wir bilingual,
aber Englisch ist nur das Leckerli.
Wichtiger ist den Eltern, was wir
mit ihren Kleinen machen.
Wie sieht Ihr Stundenplan aus?
Montags gehen wir in den Zoo,
dienstags lernen die Kinder Fahrrad
fahren, freitags Schwimmen,
wer Lust hat, kann mit einer Erzieherin
Klavier üben. Wir besuchen
jede Woche ein Museum, gehen regelmäßig
rüber in die Stadtbücherei,
den Park oder die Polizei, kaufen
Mittagessen auf dem Markt.
Anschließend wird das Thema der
Woche spielerisch umgesetzt: Die
Kinder malen, basteln, was sie gesehen
haben, sie kochen, was sie eingekauft
haben. Sie singen Lieder,
die passen.
Dafür zahlen die Eltern für Krabbelklnder 1000 Euro, 600 Euro kostet ein Kindergarten-Platz.
Der Preis hängt von der Stadt ab.
In Nürnberg und München bekommen
wir Zuschüsse und können
deutlich billiger sein.
Zu Tarifen wie in Stuttgart können sich nur Besserverdiener einen Little Giant leisten.
Das stimmt. Leider. Nur uns können
Sie das nicht vorwerfen. Für einen
städtischen Krabbel-Platz zahlen
Sie in Stuttgart 175 Euro, 1300
schießen Stadt und Land zu. So
teuer sind die Plätze generell überall,
nur merken es die Eltern bei
den städtischen Einrichtungen
nicht. Wir dagegen müssen alles
auf die Eltern umlegen.
Warum sollte der Staat Sie als kommerziellen Betrieb auch subventionieren?
Weil der Staat die Kinderbetreuung fördert und wir besser sind als die anderen Anbieter. Ich frage Sie: Warum kommen die Eltern trotz des hohen Preises zu uns?
Weil das Bürgertum sich so nach unten hin abschottet.
Niemand will sich abschotten. Ich nicht, die anderen Eltern auch nicht. Wir wollen gute Einrichtungen, von denen gibt es zu wenig.
Das führt dazu, dass Ihre Kinder Englisch können, bevor sie in die Grundschule kommen; die von Hartz-IV-Empfängern aber nicht.
Eine englischsprachige Erzieherin
kostet keinen Euro mehr als eine
deutsche. Alle Kindergärten könnten
das heute anbieten. In Deutschland
haben eine Menge Leute 20
Jahre lang die Erkenntnisse der
frühkindlichen Bildung ignoriert,
und uns wird heute vorgeworfen,
dass wir diese umsetzen! Das ärgert
mich. Kinder zwischen null
und sechs lernen neue Sprachen
spielend. Warum lässt man sie
nicht?
Deshalb steht bei Dreijährigen in Potsdam bei Ihrem Wettbewerber in der "Villa Ritz" Chinesisch auf dem Stundenplan.
Das ist natürlich hanebüchen. Da wird mit dem Pisa-Schock gespielt. Entsetzlich sind auch Kinder-Saunas oder Kinder-Spas. Wenn Sie im Sommer Ihr Kind im Auto sitzen lassen, kriegen Sie zu Recht eine Strafanzeige, dort packen sie es in die Sauna!
Trotzdem: Privilegierte Kinder,die bei Ihnen starten, setzen ihre Bildung in privaten bilingualen Einrichtungen fort. Die staatlichen Schulen und Horte können sich mit dem Rest der Gesellschaft rumschlagen. Das höhlt das System aus.
Wir können doch kleine Kinder nicht künstlich dumm halten, nur weil anschließend die passenden Einrichtungen fehlen. Außerdem gibt es gute staatliche Angebote. Unsere Tochter geht - nach privatem Kindergarten und Grundschule - auf ein tolles staatliches Gymnasium.
Und wer sich Ihre Einrichtung nicht leisten kann, den schicken Sie nach Hause?
Den schicken wir zum Jugendamt. In Bayern erhalten Sie Zuschüsse. Das funktioniert. In Baden-Württemberg allerdings weist man Sie ab mit den Worten: Wenn Sie Hartz IV beziehen, können Sie sich doch ums Kind kümmern, da brauchen Sie keinen Krippenplatz.
Sie könnten die Preise auch staffeln.
Können wir nicht, sonst laufen uns
die Kunden weg. Bieten wir nach
unten einen günstigeren Preis an,
müssen wir oben etwas draufschlagen.
Bei 1000 Euro hört aber der
Spaß auf. Das ist viel Geld für die
Eltern hier. Unsere Kunden gehören
der Mittelschicht an. Für alle
bedeutet ein Platz bei uns finanzielle
Einschränkungen. Staffeln würden
wir, sobald wir die Zuschüsse
bekommen.
Ministerin Ursula von der Leyen ist heftig kritisiert worden, weil sie gewerbliche Anbieter wie Sie mit Steuergeld bezuschussen will.
Das wäre ein Traum. Auch der
Staat profitiert, wenn gewerbliche
Anbieter Steuern abführen und Eltern
früh wieder ihrem Beruf nachgehen
können. Derzeit regelt jedes
Bundesland das irgendwie anders.
Frau von der Leyen braucht uns,
sonst kann sie den versprochenen
Ausbau von 750 000 neuen Krippenplätzen
gar nicht bewältigen.
Man merkt jetzt schon: Es tut sich
was. Das ist ein junger Markt, der
allmählich in Fahrt kommt.
Und dort darf sich jeder austoben - ohne jede pädagogische Voraussetzung. Sie haben eigene Kinder, aber keinerlei wissenschaftliche Ausbildung in dem Bereich.
Die haben unsere Angestellten! Unser Konzept richtet sich nach den Richtlinien der "Early Childhood Education", nach den Erkenntnissen eines Forschungsbereichs der renommierten University of North Carolina/Chapel Hill.
Natürlich taucht nun hin und wieder ein obskurer Anbieter auf, wo man den Eltern nur raten kann: Guckt sie euch genau an! Wir sind transparent, bei uns können Sie im Unternehmensregister sogar nachschauen, was wir verdienen.
Und?
Weniger als früher als Maschinenbauerin, das können Sie mir glauben!
Wie schnell können Sie mit Ihrer Kette wachsen?
Wir wollen bundesweit vertreten sein, da wären 50 Filialen in drei, vier Jahren gar nicht schlecht. Aber planen können Sie das so nicht, nicht mit den Behörden, die ihren Daumen senken oder heben. Man kann nie abschätzen, wie, wann und warum die Entscheidungen fallen.
Kann sich eine Kindergarten-Kette auch für die Investoren lohnen?
Ganz sicher, schauen Sie nach England,
Amerika, Australien. Dort
gibt es riesige, teils börsennotierte Bildungskonzerne. Verpönt ist das
nur in Deutschland. Das ändert
sich gerade.
Kleine Giganten
Jelena Wahler, 36, ist im schwäbischen Laupheim aufgewachsen und hat in München Maschinenbau studiert. Danach hat sie einige Jahre bei einem Autozulieferer gearbeitet. Anschließend haben ihr Mann Peter, ebenfalls Maschinenbauer, und sie an der Duke University in Amerika einen MBA gemacht. Nach der Rückkehr wagte Jelena Wahler als Unternehmensberaterin den Sprung in die Selbständigkeit. Vor zwei Jahren gründete sie in Stuttgart für ihren kleinen Sohn erst eine Krippe und dann einen Kindergarten. Daraus wurde ein Unternehmen: Unter dem Label "Little Giants" bauen die Wahlers jetzt eine bundesweite Kindergartenkette auf.
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